Mittwoch, 22 Januar 2014

Geglückte Renaturierung – eine Standortfrage

Das biologische Umfeld ist entscheidend. Studie zur Wiederansiedlung von Fischarten zeigt, dass das Gelingen von der Standortwahl abhängt.


Gelnhausen, den 21.1.2014. Aufwändige Renaturierungsmaßnahmen sollen die biologische Vielfalt zurück in Bäche und Flüsse holen. Doch der Erfolg ist nicht garantiert. Woran liegt’s? Gewässerökologen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) haben 18 Gewässerrenaturierungen untersucht. Sie konnten belegen, dass Fischarten meist dort wieder einwandern, wo schon das biologische Umfeld Vielfalt bietet. Wie das Artenspektrum in der Umgebung aussieht, gehört zu den wichtigsten Faktoren für erfolgreiche Wiederansiedlung und sollte daher schon bei der Planung von Renaturierungen berücksichtigt werden. Die Studie ist im Januar 2014 im Fachmagazin PlosOne erschienen.

Renaturierungen von Bächen und Flüssen lassen sich nicht allein am Reißbrett planen. Neben der Lebensraumvielfalt im Gewässer selbst und der Nutzung der Umgebung bestimmen eine ganze Reihe weiterer Faktoren, ob ein Lebensraum eine artenreiche Lebensgemeinschaft beherbergen kann und wird. Wissenschaftler der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) untersuchten 18 renaturierte Gewässerabschnitte im Hinblick auf die dort vorhandenen  Fischpopulationen.

Es stellte sich heraus, dass fast alle Fischarten, die die renaturierten Abschnitte besiedelt hatten, auch in einer maximalen Entfernung von 5 km stromauf oder stromabwärts vorkamen. Arten, deren nächstgelegene Population weiter entfernt war, waren dagegen praktisch nicht vertreten. Statistische Modelle zeigen, dass genau dieses Vorkommen der Arten in geringer Entfernung der wichtigste Aspekt ist, wenn eine natürliche Wiederansiedlung funktionieren soll. Die Berechnungen ergaben, dass die Zusammensetzung der Artgemeinschaften im Umfeld einen größeren Einfluss auf das Wiederansiedlungserfolg haben als 10 technische und strukturelle Kenngrößen von Renaturierungen, darunter z.B. der Länge des renaturierten Abschnitts und das Gewässerprofil.

Auch die ökologischen Eigenschaften der Fischarten spielen eine wichtige Rolle: Zum Beispiel ist bei Arten, die schnellströmendes Wasser bevorzugen, die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie einen renaturierten Abschnitt besiedeln. Für Arten, die sich überwiegend in ruhigem Wasser aufhalten, können schnellströmende Gewässerabschnitte  Wanderhindernisse darstellen.

Geglückte Renaturierung – eine Standortfrage

„Wenn man die Stelle für eine Renaturierungsmaßnahme nicht sorgfältig wählt, sondern einfach den nächstbesten verfügbaren Gewässerabschnitt nimmt, ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ungleich höher“, sagt Gewässerökologe Dr. Stefan Stoll. „Stattdessen sollten gezielt Abschnitte ausgewählt werden, in deren Nähe genügend Quellpopulationen vorkommen, von denen sich die gewünschten Fischarten ausbreiten können. Vorab in Erfahrung zu bringen, was in der Umgebung eines geplanten Renaturierungsprojektes biologisch los ist, ist deshalb eminent wichtig, um die Erfolgsaussichten abschätzen zu können.“

Zurück auf Anfang: bauliche Eingriffe umkehren

Die EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) verlangt einen guten ökologischen Zustand der Fließgewässer. Über Jahrzehnte haben Kommunen und Länder Flüsse begradigt, kanalisiert und gemäß der Bedürfnisse des Menschen verändert. Nun sollen diese Eingriffe soweit rückgängig gemacht werden, dass sich funktionierende und vielfältige Lebensgemeinschaften ansiedeln können. Fließgewässer gehören zu den artenreichsten Lebensräumen und sind ein Brennpunkt der Biodiversität. Obwohl Süßwasserlebensräume weltweit weniger als 1 % der Fläche  einnehmen, sind ungefähr 10 % aller Tierarten an sie gebunden. Gleichzeitig sind viele heimische Gewässerbewohner, darunter eine ganze Reihe von Fischen, gefährdet und stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.